Eine deutsche Sprachinsel in Afrika

November 10th, 2017 by besserwisser

Deutsch als Fremdsprache zu lernen lohnt sich – es ist die meistgesprochene Sprache in Europa. Aber wusstest du, dass die Sprache auch außerhalb des deutschen Sprachraums (Deutschland, Österreich, Schweiz, Lichtenstein, Luxembourg, Ostbelgien und Südtirol) gesprochen wird? Eine dieser kleinen Sprachinseln befindet sich im südafrikanischen Land Namibia.

Zwischen 1884 bis 1915 war Namibia eine deutsche Kolonie und hieß damals Deutsch-Südwestafrika. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Verwaltung auf Südafrika übertragen und 1990 bekam das Land schließlich seine Unabhängigkeit. Trotz der kurzen deutschen Kolonialzeit ist die deutsche Geschichte in Namibia heute noch deutlich zu erkennen.

Kapps Ballsaal, Felsenkirche, Lüderitz. Photo: Harald Süpfle

Im Herbst 2016 besuchte ich Namibia und fuhr in die alte Hafenstadt Lüderitz, gegründet von dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz, der hoffte, in der Bucht auf Bodenschätze zu stoßen. In der kleinen bunten Stadt erinnert noch viel an die Zeit, in der nahezu jeder in Lüderitz Deutsch war: die vielen bunten wilhelminischen Häuser, die Straßennamen (Bahnhofstr., Bismarckstr., Bergstr. usw.) sowie die alte evangelisch-lutherische Felsenkirche, die hoch auf dem Diamantberg über die Stadt blickt. Ich konnte in der Bäckerei Pumpernickel oder Schwarzbrot kaufen und danach in der Allgemeinen Zeitung blättern, die älteste (und einzige) deutschsprachige Zeitung in Afrika. Abends konnte ich in der Kneipe auf Deutsch eines der drei Nationalbiere Tafel, Holsten oder Windhoek Lager bestellen. Diese werden noch laut dem deutschem Reinheitsgebot von 1516 gebraut und rühmen sich, nur Malz und Hopfen direktimportiert aus Deutschland zu benutzen.

Deutsch wird in Namibia hauptsächlich in ländlichen Gegenden im Süden und Städten wie Windhuk und Swakopmund gesprochen. Etwa 20 000 haben es als Muttersprache, mehrere zehntausend sprechen es als Zweitsprache, und um die 15 000 der älteren Generation gebrauchen das s.g. Küchendeutsch, auch Namibian Black German genannt. Deutsch ist im multilingualen Namibia daher eine Minderheitensprache und ist als eine der 11 Nationalsprachen neben u.a. Afrikaans, Oshivambo und Otjeherero anerkannt. Die Amtssprache ist Englisch.

Einige Einwohner schätzen die Zukunft der deutschen Sprache in Namibia als gefährdet ein – Fakt ist, dass nur ein kleiner Anteil der 2 Millionen großen Bevölkerung die Sprache spricht. Vor allem in der schwarzen Mehrheitsbevölkerung spricht kaum jemand Deutsch. Trotzdem hat Deutsch eine starke Stellung in z.B. dem öffentlichen Dienst und dem Wirtschafts- und Tourismussektor. Das Interesse, Deutsch als Fremdsprache in der Schule zu lernen, ist auch langsam steigend. Das Küchendeutsch der älteren Generation ist einer der Gründe, warum junge schwarze Namibier die Sprache lernen wollen – so können sie sich dann mit ihren Großeltern unterhalten. Ein anderer Grund sind die Ausbildungsmöglichkeiten, denn die Universität von Namibia bietet Wirtschaftswissenschaften und Germanistik auf Deutsch als Unterrichtssprache an.

Das Südwesterdeutsch oder Namdeutsch unterscheidet sich in einigen Aspekten von seinen in Europa gesprochenen Varietäten. Es ist teilweise vereinfacht und hat viele Wörter und Begriffe aus Englisch, Afrikaans und den Bantu-Sprachen übernommen. Ein paar Beispiele für typische namdeutsche Wörter:

Anbellen. Jemanden anrufen. (Afrikaans – om te bell)

Aussortieren. Etwas besprechen. (Englisch – to sort something out)

Bikkie. Ein bisschen. (Afrikaans – bietjie)

Deutschländer. Einer, der aus Deutschland kommt

Robot. Eine Verkehrsampel (Englisch)

Lekker. Bedeutet gut, schön. Beispiel: Lekker schlafen! Gute Nacht wünschen. (Afrikaans)

Veld.  Buschland (Afrikaans)

Winkel. Ein kleiner Laden (Afrikaans)

Wenn es dich also nach Südafrika zieht und du gleichzeitig dein Deutsch verbessern möchtest, ist Namibia eine tolle Reisedestination. Kauf dir ein bikkie lekker Windhouk Lager im Drankwinkel und begib dich ins Veld.

Konstantin Löwe studiert Politikwissenschaften in Lund. Davor belegte er das IAL-Programm an der Linnéuniversität und absolvierte 2017 ein Bachelorexamen in Politikwissenschaften und Germanistik. Sein Aufsatz, geschrieben an der Institution für Deutsch in Växjö, hat den Titel Haben die Herero und Nama das Recht auf eine Entschädigung für die Ausrottung der namibischen Stämme 1903 – 1907? Er ist hier aufrufbar: http://www.diva-portal.org/smash/record.jsf?pid=diva2:1093478. Konstantin bloggt über Politik und Sprachen auf Schwedisch unter https://suckulent.wordpress.com/.

 

 

Quelle Namibische Schilder: BlueMars

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