Interkulturelle Fundstücke oder was man so alles in Berlin erleben kann

April 13th, 2018 by besserwisser

Parken in Berlin – von Kirsti Ferch, 1TY200

Nach einem langen Tag an der Hochschule gehen wir zufrieden und erschöpft zum Kleinbus zurück. Es regnet und die milde Luft trägt den erdigen Duft des Vorfrühlings in sich. Die Berliner Parklücken sind rar und eng und das Ausparken wird zur Herausforderung. Nach mehreren Minibewegungen ist das Auto aus der Lücke heraus und wir wollen gerade losfahren, als uns eine Frau fast in den Wagen springt.

Sie gestikuliert wild und macht uns mit barscher Stimme darauf aufmerksam, dass wir das Auto hinter uns angefahren hätten. Verwundert steigen wir aus, um den Schaden zu begutachten, aber es ist nichts zu sehen außer einer winzigen Delle auf dem Nummernschild. Kaum zu glauben, dass wir das waren. Warum diese Bagatelle zu einer solchen Aufregung führt, bleibt uns schleierhaft.

Aber aus dieser Geschichte kommen wir nicht so leicht heraus. Hier sieht eine Berliner Bürgerin Gefahr im Verzug und fürchtet, Zeugin einer Fahrerflucht zu werden! Die aufgebrachte Dame kündigt uns an, die Polizei zu rufen und beginnt, unser Nummernschild und den ,,Tatort” zu fotografieren. Dann verschwindet sie im Hauseingang gegenüber. Wir sind friedliebende Mitmenschen und wollen uns im Ausland nichts zu Schulden kommen lassen. Also warten wir geduldig auf die Polizei, unseren Freund und Helfer.

Mittlerweile haben wir Bekanntschaft mit einer netten Psychotherapeutin und ihrem Hund gemacht. Wir sind uns darüber einig, dass wir gerade eine merkwürdige Geschichte erleben und sogar der Hund in seinem gelben Regenmantel scheint ein bisschen darüber zu grinsen. Aus einem geöffneten Fenster ertönen verträumte Klavierakkorde und geben der abendlichen Regenszene einen surrealen Touch. Eine Kehrmaschine borstet stoisch den den blitzblanken Gehweg.

Die Polizei lässt auf sich warten und schließlich rufen wir die Wache an. Dort weiß man nichts von unserem ,,Delikt”. Aber da wir nun einmal angerufen haben, muss man sich die Sache ansehen und schickt eine Streife vorbei. Die Beamten sind freundlich und korrekt und machen den Halter des Wagens schnell ausfindig. Der wohnt nämlich gleich gegenüber und ist zum Glück zu Hause. Mittlerweile haben sich auch weitere Zuschauer an Fenstern und Balkons eingefunden und hoffen auf eine kleine Sensation in ihrer sonst so ruhigen Straße. Selten hat man Bürger und Ordnungshüter so herzlich miteinander lachen gesehen, als herauskommt, dass die Delle auf dem Nummernschild schon uralt ist.

Und mit richtig guter Laune fahren wir nun endlich in unser Hotel. Heute haben wir ein echtes Stück Berlin erlebt. Fast könnte man der furiosen Dame dafür danken…

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