Mehr Schein als Sein? Inwiefern ist Gottfried Kellers Novelle “Kleider machen Leute” noch aktuell

February 27th, 2018 by besserwisser

Wir sind soziale Wesen und für uns ist es wichtig, einen guten Eindruck zu machen und von anderen Menschen akzeptiert zu werden. Im 19. Jahrhundert schrieb Keller seine Erzählung Kleider machen Leute (1874), in der er das Thema „Schein und Sein“ aufgreift. Dieses Thema wurde schon früher vielmals diskutiert, z. B.  schrieb der griechischer Philosoph Platon über „Schein und Sein“. Und heute ist die Aussage „Mehr Schein als Sein“ aktueller als je zuvor, weil wir sehr viel Geld ausgeben und Mühe auf das äußere Image legen und in einer digitalisierten Welt unsere sozialen Profile im Netz aufbauen.

Man kann das Thema „Mehr Schein als Sein“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. „Kleider machen Leute“ kann der Slogan der modernen Textilindustrie sein. Zahlreiche Modedesigner wollen uns davon überzeugen, dass ein moderner Mensch ein tolles Image braucht. Wir kaufen viel mehr Kleidungsstücke heute als wir brauchen und die Modeindustrie macht riesige Gewinne. Der Schneider in Kellers Novelle war ein armer junger Mann, der lieber verhungern würde, als seine prächtigen Kleider zu verkaufen. Heute kommt die gleiche Einstellung sehr oft vor. Junge Menschen geben Geld aus, das sie nicht haben, um Kleider zu kaufen und sich ein Image aufzubauen. Der äußerliche Eindruck ist uns heute sehr wichtig, vielleicht mehr als je zuvor. In einer Untersuchung, welche Fragen und Probleme die Jugend von heute am meisten interessieren, landen Mode und Kleider weit vorn. Viele junge Menschen haben Angst, von ihrer Umgebung beurteilt zu werden. Sie sehen sich gezwungen, anders zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Sie spielen eine Rolle, „verkleiden“ sich, um akzeptiert zu werden.

Das Problem von „Mehr Schein als Sein“ kann auch von einer anderen Seite betrachtet werden, nämlich wie wir uns benehmen. Die Verwechslung in „Kleider machen Leute“ hängte teilweise damit zusammen, wie der Schneider sich benahm. Er spielte die Rolle eines Grafes, bis er entlarvt wurde. In der Wirklichkeit ist nicht so leicht, eine fremde Rolle zu spielen; man wird früher oder später entlarvt.  Aber heutzutage haben wir außer der Wirklichkeit wir noch ein virtuelles Leben. In sozialen Medien ist es sehr schwer zu unterscheiden, was Schein und was Sein ist. Die Menschen haben eine Möglichkeit bekommen, eine alternative Wirklichkeit zu gestalten, die vielleicht ein bisschen fröhlicher und glamouröser ist. Wir haben eine Chance bekommen, ein „Star“ zu sein und eine eigene Persönlichkeit auszudrücken. Es ist sehr wichtig heute, ein kritisches Denken zu entwickeln, um „Schein und Sein“ in der virtuellen Welt unterscheiden zu können.

 

Veronika Sai

Studentin, 1TY200

Quelle Bild: Von Johann Conrad Werdmüller (1819-92) – Zentralbibliothek Zürich, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1791845

 

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